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Christoph Wittmann

Wirft man einen Blick auf die stattliche Repertoireliste des Tenors Christoph Wittmann, steht dort an erster Stelle Jaquino, der Gefängnispförtner aus dem Fidelio. Das ist zunächst einmal rein alphabetisch bedingt: Fidelio ist bekanntlich von B. wie Beethoven, Ludwig van. Es gibt jedoch noch einen anderen Grund, warum diese Rolle für Wittmann im Augenblick höchste Priorität haben dürfte: Schließlich singt er sie in dieser Saison auf der Bühne der Heidenheimer Opernfestspiele.

Was noch dazu kommt: Er spielt den Jaquino zum ersten Mal in seiner Karriere. Und die begann für den Sohn einer Kirchenmusikerin schon recht früh, als er nämlich seine unbändige Sangeslust in diversen Kinder- und Jugendchören auslebte. Doch dabei blieb es nicht lange: Sein Talent verschaffte ihm bald einen Platz im Windsbacher Knabenchor. Fast schon ein Schritt in die Professionalität – aber deswegen gleich berufsmäßiger Opernsänger zu werden, war für Wittmann alles andere als selbstverständlich. Schließlich gab es noch eine andere musikalische Leidenschaft: die Trompete. Doch nach dem Gymnasium hatte er von der Musik zunächst einmal genug:

„Wir waren fast jedes Wochenende in Deutschland unterwegs für irgendwelche Konzerte. Und wenn es nicht fürs Singen war, dann als Blechbläser. Ich war einfach voll.“

Um ein Haar Ingenieur

Nach dem Abi reichte die Motivation gerade noch aus, vier Bewerbungen zum Vorspiel fürs Trompetenstudium einzutüten und damit zum Briefkasten zu spazieren. „Ich bin ein paar Minuten da gestanden, bin dann zurückgelaufen und habe meine Bewerbungen in den Papierkorb geschmissen.“ Damit war das Thema Trompete erledigt.

Blieb noch die Elektrotechnik, und die stellte für den „technisch sehr interessierten“ Wittmann mehr als nur eine Alternative dar. Nachdem er zwei Jahre mit den Gebirgsjägern durch die Alpen gekraxelt war („Eine grandiose Zeit!“), schrieb er sich an der FH Ulm ein und wechselte dann an die Universität. Heute wäre er wahrscheinlich erfolgreicher Ingenieur – hätte ihn die die Mutter nicht doch irgendwann überreden können, Gesangsunterricht zu nehmen. Das „lief nur so nebenher“, ebenso wie die kleinen Solopartien, die Wittmann dann und wann sang. Bis er schließlich eines Tages an einem Projekt des Südfunkchors teilnahm.

Nach Fidelio die Meistersinger

Die professionelle Arbeit mit den Künstlern faszinierte ihn so sehr, dass sie schließlich für die große Wende sorgte von der soliden E-Technik zum Musik- und Gesangsstudium.

„Mein Ziel damals war nicht, auf der Opernbühne zu stehen, sondern in einen Rundfunkchor zu kommen.“

Ein Aufenthalt in London bot die Gelegenheit, an einem „extrem gefragten“ Opernkurs teilzunehmen – und plötzlich wurden aus einem Auslandsjahr gleich deren drei.

Zurück in Deutschland mit dem Diplom in der Tasche folgten die ersten Engagements: in Freiburg und Bremen, in Hamburg und schließlich in Mannheim. Seit einem Jahr ist Wittmann freiberuflicher Sänger. Besucher der letztjährigen Heidenheimer Tosca kennen ihn noch von seiner Rolle als Spoletta, die ihm sein ehemaliger Studienkollege Marcus Bosch angeboten hatte. Auch bei dessen Debüt als Generalmusikdirektor in Nürnberg wird Wittmann singen, in den „Meistersingern“.

In Richtung Machtmensch

Doch zunächst muss sich Christoph Wittmann in der Rolle des Jaquino von seinen Bühnenkollegen so einiges gefallen lassen: Seine geliebte Marzelline schielt nach einem anderen, auch seine Vorgesetzten Rocco und Pizarro sind nicht gerade einfache Charaktere. Dennoch hat er in der Heidenheimer Inszenierung einen etwas anderen Stand, als es das Libretto vorsieht: „Der Regisseur Hermann Scheider hat sich die künstlerische Freiheit genommen, die Partie in eine andere Richtung zu drehen.“ Jähzornig, aufbrausend und ein bisschen gewissenlos darf Wittmann den Jaquino spielen. „Ein Typ, der in Richtung Machtmensch geht. Der aus kleinen Verhältnissen kommt und sich hocharbeitet.“ Buchstäblich hochgearbeitet hat sich auch Christoph Wittmann auf den Heidenheimer Schlossberg:

„Ich bin letztes Jahr Ende Mai bei der Begrüßung zum ersten Mal im Rittersaal gestanden. Es gab Brezeln und Sekt, und ich habe mich gefragt: Wie um alles in der Welt kann es sein, dass ich in meinem Leben schon so oft durch Heidenheim gefahren bin, aber noch nie wahrgenommen habe, dass es dort oben diese wunderbare Schlossbühne gibt?“


Fidelio ist eine Freiheitsoper. Was bedeutet der Begriff Freiheit für
Christoph Wittmann?

„Freiheit ist etwas, für das es sich lohnt, sich zu engagieren. Und zwar nicht nur auf der ganz persönlichen Ebene wie bei Leonore, die ihren Mann befreit. Es ist ein sehr hoher Wert, dass man als Mensch in der Gemeinschaft frei ist. Für diese Freiheit muss man sich einsetzen und darf sie nicht als selbstverständlich hinnehmen.“

Matthias Masel


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